Information Overflow bei Ernährung?

4. Mai 2016
Information Overflow bei Ernährung?

Gesunde Ernährung – hat sich durch die Informationsflut unser Essverhalten wirklich verändert? Der Stellenwert gesunder Ernährung gewinnt in unserer Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Zahlreiche digitale Medien aber auch klassische Formate „bespielen“ dieses Trend-Thema aktuell massiv. Aber hat diese Informationsflut bezüglich gesunder Ernährung als auch über spezielle Ernährungsregime wie der veganen, glutenfreien oder Low-Carb Ernährung wirklich Einfluss auf die Entscheidungen der Konsumenten?

Gallup hat sich im Auftrag der American Dietetic Associaton intensiv mit dieser Frage beschäftigt

Gallup verglich dabei Daten aus dem Jahr 2002 und 2015 von Telefoninterviews mit US-Bürgern. Die Befragten mussten Angaben zur Verzehrshäufigkeit von Lebensmittelgruppen und einzelnen Nährstoffen machen. Zu den Kernfragen gehörten: Denken Sie über das, was Sie essen, nach? Welche Lebensmittel meiden Sie aktiv, welche essen Sie vermehrt? Die Befragten konnten außerdem angeben, dass Sie darüber nicht nachdenken, oder dass sie keinerlei Meinung zum jeweiligen Nährstoff oder Lebensmittel haben. Augenscheinlich zeigten die vielen Ernährungskampagnen bezüglich der täglichen Kohlenhydratzufuhr und der Aufnahme von Zucker Wirkung – auch in der Wahrnehmung der Amerikaner. Es stelle sich heraus, dass Kohlenhydrate allgemein, Getreide, als auch extrinsischer Zucker 2015 etwas mehr gemieden wurden als noch 2002. Die Angst vor Salz und Fett wiederum sank leicht. Allerdings hat sich die Wahrnehmung in Bezug auf die meisten Nahrungsmittel insgesamt nicht wirklich verändert.

Wie sieht es im deutschsprachigen Raum aus?

Die Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) legte zuletzt 2012 ihren Ernährungsbericht vor, der für 2016 ist noch in Arbeit. Das 2012er Fazit lautete: Die Österreicher essen immer noch zu fett, zu salzig, zu viel Weißmehlprodukte, zu wenig Obst und Gemüse, zu wenig Ballaststoffe, jedoch ausreichend Eiweiß. Die sehr gesunden komplexen Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten, Gemüse und Hülsenfrüchten werden nach wie vor zu wenig genossen. Eine Folge davon ist eine zu niedrige Ballaststoffzufuhr. Sie liegt im Durchschnitt deutlich unter der Empfehlung von 30 g pro Tag.

Das isst Deutschland am liebsten

Quelle: BMEL Ernährungsbericht 2016

2015 hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) eine repräsentative Befragung bezüglich des Konsums von Lebensmittelgruppen, der Informationsbeschaffung und des Kaufverhaltens von 1.000 Bundesbürgern durchgeführt. Der BMEL Ernährungsreport 2016: „Deutschland, wie es isst“ fasst deren Ergebnisse zusammen. Auch in Deutschland scheint die Lust an Produkten aus Weißmehl ungebrochen. Mehr als ein Drittel der Interviewten (35%) nannten bei der Frage nach ihren Lieblingsmahlzeiten kohlenhydratreiche Gerichte wie Spaghetti, Spätzle und Co.

Erst mit deutlichem Abstand folgten Gemüse- und Kartoffelgerichte (18%) sowie Fischgerichte (16%). Fleisch und Wurst stehen nach wie vor hoch im Kurs: 83% der Befragten gaben an, mehrmals pro Woche Fleischprodukte zu verzehren. Männer essen Fleisch viel häufiger (47%) als Frauen (22%). Frauen greifen seltener zu Tiefkühlpizzen oder anderen hoch verarbeiteten Fertigprodukten. Die Lust auf Süßigkeiten scheint altersabhängig zu sein. Genascht wird vor allem im Alter zwischen 30 und 44 Jahren. Viele Deutsche versuchen mit hoch prozessierten Light-Produkten Kalorien, Zucker und Fett einzusparen. 19 Prozent der Befragten greifen häufig zu Light-Produkten. Auffällig überdurchschnittlich viele Jugendliche (24%) essen häufig Light-Produkte. Alles in allem lässt sich aber der deutlicher Trend zur gesunden Ernährung erkennen. So gibt die überwiegende Mehrheit der Befragten an, dass es ihnen gelinge, sich im Alltag gesund zu ernähren.

Die meisten schaffen es, sich ausgewogen und gesund zu ernähren.

Was bedeutet für die Befragten der Ausdruck „gesunde Ernährung“?

Laut dem Ernährungsreport gibt es noch deutliche Wissens- und Kompetenzdefizite bei der Umsetzung eines gesunden Lebensstils. Die gefühlte Informationsflut über Unverträglichkeiten macht sich lediglich in Großstädten und vor allem bei den jungen Erwachsenen bemerkbar. Im Durchschnitt verzichten bereits 16% der Großstädter und 19% der bis 29-Jährigen aufgrund von Unverträglichkeiten auf Gluten-, Fruktose-, oder Laktosehaltige Produkte. Daten aus der Nationalen Verzehrsstudie II von 2008 zeigten, dass die Kohlenhydrataufnahme in Deutschland unter den Richtwerten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) lag.

Eine niedrigere Kohlenhydrataufnahme geht immer mit einer kompensatorisch erhöhten Fettaufnahme einher. Aber ist das nun wirklich so Besorgnis erregend? Könnte es bei einer gesunden Auswahl an Fetten mit hoher Qualität, wie dies beispielsweise in der Mediterranen Küche der Fall ist, nicht auch an der Zeit sein, etwas über den Tellerrand der DGE-Makronährstoffverteilung hinauszublicken? So jedenfalls lautete der Tenor auf einem Symposium der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 2016 auch:

„Griffig, aber überholt: die ,10 Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung‘“

Diese raten zu ausgedehntem Kohlenhydratverzehr, bei gleichzeitiger Einschränkung von Fett und Eiweiß. 1952 postulierte der Biologe Ancel Benjamin Keys erstmals die „Diät-Herz-Hypothese“. Die besagt, dass gesättigte Fette Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen: Je höher ihr Anteil in der Ernährung ist, desto mehr Todesfälle werde es geben. Der Austausch von gesättigten tierischen Fetten durch ungesättigte pflanzliche Fette hätte ein geringeres Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko zur Folge.

Diese Botschaft floss in die amerikanischen Ernährungsempfehlungen ein und wurde ab den 1980er Jahren in die Praxis umgesetzt. Die meisten europäischen Länder, wie auch Österreich, Deutschland und die Schweiz zogen bald nach und übernahmen diese Richtlinie. Im Klartext lautet die Devise seitdem, dass pro Tag maximal zehn Prozent der Kalorienzufuhr durch gesättigte Fettsäuren gedeckt werden sollen. Im Rückblick ist es interessant zu sehen, dass die Adipositasepidemie laut National Center for Health Statistics fast genau zur gleichen Zeit begann, als sich das Low-Fat Dogma etabliert hatte.

Übergewicht

Die abhanden gekommenen Kalorien aus Fett wurden offenbar durch qualitativ schlechte Kohlenhydrate ersetzt.

Diese verstecken sich beispielsweise in Hamburgerbrötchen, Süßgetränken und Low-Fat-Produkten in hohen Mengen. Die Kombination aus Bewegungsarmut und der Anreicherung des Speiseplans mit diesen Kohlenhydraten hat maßgeblich zur gegenwärtigen Epidemie der Fettleibigkeit geführt. Insbesondere für Menschen mit wenig Bewegung, Übergewicht, Adipositas, Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes, einer Fettleber und erhöhten Blutfettwerten kann eine extrem kohlenhydratreichreiche Kost auch kontraproduktive Auswirkungen haben. Sie kann zu Fetteinlagerungen in der Leber führen und so die Blutfettwerte, die als Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall gelten, erhöhen.

Die Warnungen vor Fett waren oftmals überzogen.

So konnte beispielsweise die PREDIMED-Studie den negativen Effekt von gesättigten Fetten auf das Verhältnis von HDL- zu LDL-Cholesterin oder auf die Herzinfarkt- und Schlaganfallrate nicht allgemeingültig bestätigen. Übergewichtige, Diabetiker und Menschen mit metabolischem Syndrom können in manchen Fällen und Konstellationen von einer qualitativ hochwertigen Fett- und Eiweißzufuhr auch profitieren.

In dieser Studie wurden 7.447 Spanier mit erhöhtem Schlaganfallrisiko auf eine Mittelmeerdiät mit viel Olivenöl oder mit verstärktem Nusskonsum oder auf eine fettarme Kontrolldiät randomisiert und 5 Jahre nachbeobachtet. Die fettarm ernährte Gruppe sollte beispielsweise wenig Olivenöl zu sich nehmen (max. 2 Esslöffel pro Tag), Milchprodukte nur fettarm genießen, stattdessen aber mehr Brot, Kartoffeln und Reis konsumieren, ähnlich wie in den DGE-Tipps. Die beiden Gruppen, die eine Mittelmeerdiät, z.B. mit viel Olivenöl einhielten, schnitten deutlich besser ab als die Fettsparer in der Kontrollgruppe.

„Diät-Herz-Hypothese“ konnte nicht bestätigt werden

Vor kurzem bewirkten Wissenschaftler der Universität North Carolina großes Aufsehen. Sie evaluierten Keys‘ „Diät-Herz-Hypothese“ neu, indem sie Ergebnisse einer randomisierten Untersuchung aus den 60er Jahren, dem 1989 publizierten „Minnesota Coronary Experiment“, mit dem Wissen der heutigen Studienlage nochmals auswerteten. Außerdem wurden fünf aktuelle randomisierte Studien, die die Wirksamkeit des Austausches von gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren untersuchten, in Form einer Metaanalyse ausgewertet. Die „Diät-Herz-Hypothese“  konnte ein weiteres Mal nicht bestätigt werden.

Aufgrund solcher Ergebnisse sollten einige „goldene Ernährungsregeln“ durchaus überdacht werden.

Diverse Ernährungserhebungen und Verbrauchsstatistiken und damit die beschriebenen Ernährungsberichte unterliegen großer Unschärfe. Als eine der größten methodischen Schwächen ist das Under-Reporting der Probanden bei Befragungen zu nennen. Außerdem werden die verschiedenen Zubereitungsarten nicht berücksichtigt. In industriell verarbeiteten Lebensmitteln wird mit Zucker, gehärtetem Fett und Salz versucht, die schlechte Qualität der Rohstoffe zu vertuschen.

Was heißt das für den Konsumenten?

Viele Ernährungsgurus haben beispielsweise natürliche Fette und Eier lange verteufelt. Doch die beschriebenen Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien sprechen eine andere Sprache. Trotz der vorhandenen Informationsfülle über Ernährung und Zubereitungsmöglichkeiten sind wir noch nicht wirklich gesünder. Das Geheimnis gesunder Nahrungsaufnahme und eines gesunden Lebens insgesamt ist ein hoher Verzehr an natürlichen und vor allem möglichst unverarbeiteten Lebensmittel.

In Kürze erfährst du in unserem go4health Gesundheitsblog Hintergrundinfos zu prozessierten und natürlichen Lebensmittel.

 

Veröffentlicht in: Ernährung
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